31. Mai 2021

Häufig gestellte Fragen zu Siegel (FAQ Sigillographie)

Von Dr. Michael Göbl

Was sind Siegel?

Das Wort Siegel kommt vom lateinischen Sigillum = Bildchen, kleines Zeichen. Sie haben zwei Funktionen: einerseits als Beglaubigung von Urkunden (Siegelung statt der Unterschrift), andererseits als Verschlussmittel (von Schriftstücken, Räumen, Behältnissen etc.)
Seit wann gibt es Siegel?
Den Gebrauch von Siegel gibt es seit 9000 Jahren in allen Kulturen von Mesopotamien bis China und Japan. Nach Europa fanden sie ihren Weg über die griechische und römische Antike. Schon die Bibel spricht von einem „Buch mit sieben Siegeln“.

Welche Siegelarten gibt es?

Man unterscheidet zwischen Siegelabdruck und Siegelstempel, auch als Petschaft oder Typar bezeichnet. Wenn der Siegelstoff aus Wachs, Lack oder Papier besteht spricht man gewöhnlich von Siegeln. Bei Siegelstoffen aus Blei, Gold oder Silber spricht man von einer Bulle. Bullen sind in der Regel zweiseitig geprägt, die Vorderseite bezeichnet man analog zu Münzen als Avers, die Rückseite als Revers. Wenn beide Seiten gleich groß sind, spricht man von einem Münzsiegel. Ist das rückseitige Siegel kleiner, spricht man von einem Rück- oder Gegensiegel.

Wer darf Siegel verwenden?

Wer ein Siegel verwendet heißt Siegler, Siegelführer oder Siegelinhaber. Man unterscheidet zwischen persönlichen und institutionellen Sieglern. Persönliche Siegler sind Einzelpersonen (ein König, ein Graf, ein Bürger, die ihr Siegel in ihrem Namen verwenden). Institutionelle Siegler verwenden das Siegel im Namen ihrer Institution.

Typologie der Siegelbilder

Die Gestaltung eines Siegelbildes ist abhängig vom rechtlichen, sozialen und kulturellen Umfeld des Sieglers. Es ist zuerst eine Einordnung des Siegelführers, seine Stellung zu ermitteln.

  • Majestätssiegel: Abbildung einer sitzenden Person mit Krone, Szepter, Reichsapfel und Schwert
  • Thronsiegel: Person mit liturgischem Ornat, Stab, Evangelienbuch (Geistliche, Bischöfe, Äbte, Äbtissinnen)
  • Heiligensiegel (seit 11. Jh.): Mariensiegel oder Heiligenfigur bei Geistlichen Gemeinschaften, Orden, aber auch auf Städtesiegeln, bei Zunftsiegeln
  • Adorantensiegel: der Siegelführer kniet vor dem Heiligen, um dessen Fürsprache er anruft. Das Siegelfeld kann in zwei Segmente geteilt sein, der Heilige im oberen, der Betende im unteren Teil.
  • Bildnissiegel: Siegelführer wird porträtähnlich dargestellt
  • Reitersiegel: Der Siegelführer ist als berittener Krieger dargestellt
  • Falkenjagdsiegel: Der Siegelführer hat einen Falken am Arm, oder er reitet. Kommt vor allem vor bei hochadeligen Frauen und bei Männern, die die Regierung noch nicht angetreten haben.
  • Erzählsiegel: kommt bei Szenen aus dem Heiligenleben vor, bei einer Lehrszene auf einem Universitätssiegel oder bei einem Handwerker bei der Arbeit (Zunftsiegel)
  • Handlungssiegel: zeigen z.B. Frauensiegel, die die Übergabe eines Kranzes durch die Sieglerin an den siegreichen Ritter in einem Turnier zeigen.
  • Ratskollegsiegel oder Schöffenkollegsiegel: Darstellung mehrerer Personen.
  • Stadtsiegel (ab 12. Jh.): Bild einer Stadt mit Stadtmauer, Türmen und Kirchen
  • Burgsiegel: stilisierte Form einer zinnenbewehrten Burg
  • Kirchenbildsiegel: Architekturdarstellung eines Kirchengebäudes
  • Stadtgründer- oder Stadtherrensiegeltyp (13./14. Jh.): Siegelbild des Stadtgründers
  • Wappensiegel (ab 12./13. Jh.): Darstellung des Wappens des Siegelführers
  • Vollwappensiegel: Schild mit Helm und Helmzier
  • Pavillonsiegel: mit Wappenzelt und sonstigen Beizeichen
  • Helmziersiegel: nur Helm und Helmzier, ohne Wappenschild
  • Allianzwappensiegel: zwei Wappenschilde (Mann: heraldisch rechts, Frau: heraldisch links)
  • Hausmarkensiegel: Hausmarken sind durch unterschiedliche Kombinationen einer unterschiedlichen Anzahl von Strichen erzeugte geometrische Figuren.
  • Symbolsiegel: spezifische Zeichen, z.B. Zunftwapen
  • Redende Siegel: setzen volksetymologisch gedeuteten Namen des Siegelführers bildlich um.
  • Phantasiesiegel: Siegel mit Drolerien, fantastischen Darstellungen
  • Gemmensiegel: die als teilweise antike Steinschnitte meist nicht den Siegelführer selbst darstellen.
  • Namensiegel, Buchstaben- oder Initialensiegel: führen den Anfangsbuchstaben des Siegelführers an.

Siegelumschriften

Bei einem Siegel ist zu unterscheiden zwischen dem Siegelfeld mit Siegelbild und der Siegelumschrift. Die Hauptaufgabe der Umschrift ist die Benennung des Siegelinhabers. Seit dem 11. Jh. werden Umschriften vereinzelt durch Perlenschnüre oder durchgezogene Linien eingefasst. Im 12. Jh. werden diese Begrenzungslinien zur Regel. Seit dem 10. Jh. beginnt die Umschrift mit einem Kreuz. Die Umschrift beginnt ab dem 12. Jh. mit dem Wort Sigillum, meistens mit „S“ abgekürzt und gefolgt vom Namen des Siegelführers im Genetiv.