Georg Frölichsthal: Zum Selbstverständnis des Adels 100 Jahre nach Weimar

Georg Frölichsthal: Zum Selbstverständnis des Adels 100 Jahre nach Weimar

(Der Artikel wurde zuerst veröffentlicht im Deutschen Adelsblatt im August 2019)

Dieser Tage, konkret am 14. August, jährt sich zum 100. Mal das Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung. Der europäische Adel hatte schon in monarchischen Zeiten eine schwere Zäsur erlebt: 1848 wurden in den meisten kontinentaleuropäischen Staaten die Standesrechte des Adels weitestgehend abgeschafft. Der zweite schwere Einschnitt sollte für den Adel in Mitteleuropa mit dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918/1919 folgen: Hatte zunächst der Untergang der Monarchien den Adel seiner Landesfürsten und ihrer Höfe und damit seiner natürlichen Zentren beraubt, so beendete Art. 109 Abs. 3 der Weimarer Reichsverfassung seine rechtliche Existenz in Deutschland. Die bislang letzte schwere Zäsur für Teile des Adels bedeutete schließlich das Vorrücken des Kommunismus bis mitten in das Herz Europas: Dieser zerstörte vielfach die alten Strukturen, und einen weitestgehenden Vermögensverlust erlitten sowohl die, die in der alten Heimat blieben als auch jene, die flüchteten. Der langfristig härteste Einschnitt war wohl der von 1918/1919. Wie ist es nun 100 Jahre danach um den deutschsprachigen Adel in unseren Breiten beschaffen? Wie haben sich die Nachkriegsbeschlüsse und die Entwicklungen seit damals auf sein Selbstverständnis ausgewirkt?

Rechtsvergleich zwischen Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei

Zunächst sei kurz auf die unterschiedlichen Regelungen eingegangen, die die drei neu geschaffenen zentraleuropäischen Republiken im Umgang mit ihrem Adel gefunden haben. In Deutschland wurde der Adel im Unterschied zu seinen beiden Nachbarstaaten zwar nicht expressis verbis aufgehoben, aber der juristische Unterschied zur Aufhebung in der Nachbarschaft hielt sich so engen Grenzen, dass er kaum wahrnehmbar ist. Wesentlich auffälliger war der Umstand, dass Österreich und die Tschechoslowakei den Gebrauch von Adelszeichen und Adelstiteln verboten und darüber hinaus unter Strafe stellten, während Deutschland die Adelstitel in Namenbestandteile umwandelte. Diese unterschiedliche Vorgangsweise sollte die stärksten langfristigen Folgen für das Selbstverständnis des Adels bewirken, was unten näher untersucht wird. Auch die vermögensrechtliche Seite ist zu erwähnen: Deutschland und Österreich ließen ihrem Adel sein Vermögen (wenn auch in Deutschland der Rechtsschutz für Stammgüter und Fideikommisse aufgehoben wurde; in Österreich geschah dies erst 20 Jahre später durch Hitlerdeutschland), während die Tschechoslowakei mit Hilfe einer Bodenreform nicht ausschließlich, aber weitaus überwiegend den Adel und die Kirche schwächte; der adelige Großgrundbesitz wurde dabei um ein knappes Drittel reduziert, die Entschädigungszahlungen erreichten ca. 10% des realen Wertes. Die ehemaligen Herrscherhäuser und ihre Angehörigen wurden in Deutschland vermögensrechtlich recht ausgewogen behandelt, in Österreich zu größeren Teilen und in der Tschechoslowakei gänzlich entschädigungslos enteignet.

Selbstverständnis des Adels im Gefolge der Gesetzgebung vor 100 Jahren

Verhinderung der weiteren Ergänzung des Adels

Jede Bevölkerungsgruppe, die auf Dauer Bestand haben will, bedarf dazu der regelmäßigen Ergänzung. Erfolgt eine solche nicht, so ist das Aussterben dieser Gruppe eine sichere mathematische Folge. Angesichts der relativ hohen Zahlen Adeliger mag dieser Vorgang zwar noch lange andauern, aber das Ergebnis ist unausweichlich. Lord Lovat hat dies 1957 im House of Lords bei der Debatte über die Schaffung von Life Peerages ebenso hübsch wie treffend zum Ausdruck gebracht, indem er die Meinung äußerte, bei Adeligen müsse ebenso wie bei Moorhühnern der Bestand regelmäßig ergänzt werden. Der Bestand kann nun nicht mehr ergänzt werden; die langfristigen Folgen dieses Umstandes sind aber soweit ersichtlich bisher nicht in das Bewusstsein des Adels eingedrungen. Sehr wohl ist aber ein anderer Aspekt präsent: Wer früher tüchtig war und sich in welcher Art auch immer um sein Vaterland verdient gemacht hatte (oder einfach auch unermesslich reich war), konnte bei entsprechendem Interesse zumindest darauf hoffen, eines Tages von seinem Monarchen in den Adelsstand erhoben zu werden. Diese seit bald 600 Jahren bestehende Möglichkeit gibt es nun nicht mehr. Der Adel ist damit eigentlich zu einer noch exklusiveren Schicht als früher geworden – und dieses Bewusstsein ist im Adel sehr wohl vorhanden. Dass die Abschaffung des Adels damit zumindest in dieser Hinsicht das Gegenteil dessen bewirkt hat, was sie eigentlich bewirken sollte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Auseinanderfallen von Adels- und Namensrecht

Die markanteste Folge im Selbstverständnis des deutschen Adels dürfte wohl diejenige Bestimmung des Art. 109 Abs. 3 WRV sein, die Adelstitel zu Namensbestandteilen gemacht hat. Bis vor 100 Jahren war die Angelegenheit einfach: Wer ein Adelszeichen oder einen Adelstitel führte, war adelig; dies war wiederum nur nach den Regeln des Adelsrechts möglich. Das mögliche Auseinanderklaffen dieser früher untrennbar miteinander verbundenen Faktoren fiel zunächst angesichts der wenigen namensrechtlichen Möglichkeiten zum Abweichen von den alten Regeln kaum ins Bewusstsein und konnte so kein Gewicht erlangen. Mitte der 1970er Jahre begann der deutsche Gesetzgeber jedoch, das Namensrecht in mehreren Schritten zu liberalisieren. Unabhängig davon, wie man dazu steht, kann konstatiert werden, dass von der alten strengen Ordnung wenig übrig geblieben ist. Damit klaffen Adels- und Namensrecht in Deutschland immer weiter auseinander. Es ist davon auszugehen, dass in gut 30 Jahren in Deutschland mehr nichtadelige als adelige Namensträger leben werden. Dies führt zunächst zu einer enormen Täuschungswirkung: Man nimmt an, dass der Träger eines adeligen Namens, dem man begegnet, auch adelig ist – dies ist aber mit stark steigender Wahrscheinlichkeit immer seltener der Fall. Noch wesentlicher ist aber der Umstand, dass das Auseinanderklaffen von scheinbar adeligem Namen und Adelsrecht zu einem grundlegenden Missverständnis geführt hat:

  • Für die meisten Deutschen und damit auch die meisten deutschen Adeligen hängt der Adel wie zu Königs Zeiten am scheinbar adeligen Namen. Führt jemand keinen Adelstitel, dann ist er für den Großteil auch nicht adelig.
  • In Deutschland führt dieses grundlegende Missverständnis zu Folgeproblemen, die an Umfang immer weiter zunehmen. Geht man davon aus, dass Adels- und Namensrecht deckungsgleich sind, dann fällt das Verständnis schwer, warum Kinder adelig geborener Damen, die den Geburtsnamen ihrer Mutter tragen, ebenso wie Adoptivkinder adeliger Eltern nicht auch adelig sind. Für den deutschen Adel in seiner Gesamtheit hat dies die bedauerliche Konsequenz, dass die alten und durch das Ende der Monarchien unveränderbaren Regeln des Adelsrechts vielfach nicht mehr verstanden und daher auch nicht mehr akzeptiert werden. Viele Familien geben sich daher aus mangelnder Akzeptanz der alten Regeln, die auf mangelndes Verständnis für das Auseinanderklaffen von Adels- und Namensrecht zurückzuführen sind, deswegen nicht mehr im Gotha ein.
  • In Österreich gibt es dieses Missverständnis nicht: Die letzten 100 Jahre haben die Österreicher gelehrt, dass Adelsrecht und Namensrecht seit der Aufhebung des Adels nichts mehr miteinander zu tun haben. Deswegen haben die Österreicher auch ein wesentlich entspannteres Verhältnis zum Adelsrecht als die Deutschen.
  • Das geschilderte Missverständnis hat wiederum langfristig sehr schädliche Folgen für den deutschen Adel in seiner Gesamtheit. Die einzige überregionale Klammer, die ihn zusammenhält, ist der Gotha, der vom Adelsarchiv mit vorbildlicher Seriosität herausgegeben wird. Im Gotha waren nie alle deutschsprachigen Adelsfamilien verzeichnet, aber doch sehr viele. Setzt sich aber der Trend der vergangenen 30 Jahre fort, dann wird die Zahl der Familien, die ihre Genealogie noch eingeben, weiter deutlich schrumpfen. Der deutsche Adel gibt dadurch das einzige Kontrollinstrument, das ihm zur Verfügung steht – „nur wer im Gotha steht, gehört auch dazu“ – langfristig aus der Hand. Dies dürfte kurz oder lang zu einer Situation wie in Frankreich führen, das seinen Adel nie auch nur entfernt so gut dokumentiert hat wie Deutschland: Irgendwann wird es schlicht keine Instanz mehr geben, die flächendeckend halbwegs seriös Auskunft zu geben vermag, ob jemand, der ein Adelszeichen führt, adelig ist oder nicht. Die ursprünglich adelsfreundliche Gesetzgebung erweist sich als zunehmend adelsfeindlich, während es in Österreich genau umgekehrt ist.

Selbstverständnis des Adels in sonstiger Hinsicht

Hier ließen sich eine große Menge von Beobachtungen schildern. Drei Punkte seien beispielhaft herausgegriffen.

Traditionsbewusstsein

Nach Max Weber war adelige Macht traditionsgebunden, staatliche Macht dagegen bürokratisch. Nun wurde die adelige Macht zwar abgeschafft, aber die Traditionsgebundenheit ist dem Adel geblieben. Sie wurde beispielsweise den nach dem Zweiten Weltkrieg Heimatvertriebenen zu einer Stütze auf dem häufig sehr beschwerlichen Weg in die neuen Zeiten. Ein Blick in einen typischen adeligen Salon muss dabei heutzutage beileibe nicht wie früher fast zwangsläufig auf Ahnenbilder und geerbte Möbel fallen. Aber Photos von Familienmitgliedern sonder Zahl finden sich praktisch überall, und sie erfüllen dieselbe Funktion wie die Ahnenbilder und die geerbten Möbel: Sie vergewissern die Aufsteller ihrer Traditionen, ihrer weit über die Kleinfamilie hinausreichenden familiären Vernetzung und damit implizit auch ihres Standes.

Öffentliches Auftreten

Hier gibt es zwei völlig unterschiedliche Wege. Einige wenige, meist Träger großer Namen und häufig noch immer großer Vermögen, finden sich regelmäßig in den Hochglanzblättern der Illustrierten unter anderen Prominenten wieder. Man sollte das nicht geringschätzen. Jens Jessen weist in diesem Zusammenhang auf eine auf innerer Verwandtschaft beruhende Affinität von Adel und Popstars hin und analysiert: „Man erkennt an dem großen Zirkus auch, was die Legitimität von Adel und Monarchie einmal ausgemacht hat: Es war nicht die Legitimität der repräsentativen Demokratie, sondern die Legitimität der symbolischen Repräsentation. Der Fürst repräsentierte sein Volk nicht anders, als heute der Popstar die Massen repräsentiert, indem er ihre Sehnsüchte bündelt und ein Wunschbild verkörpert.“ Der Großteil des Adels verhält sich heute allerdings genau gegenteilig. Asfa Wossen Asserate schildert dies ausgesprochen treffend wie folgt: „Man hat jetzt das Inkognito adaptiert. Je frömmer und wohlhabender man ist, desto unauffälliger, ja unsichtbarer macht man sich. Alles Starre, Gravitätische, Offizielle ist verpönt. Dagegen ist sogar der Eindruck des leicht Verhuschten noch erstrebenswerter.“ Dies ist die Lebenswirklichkeit des Adels heute, und diese öffentliche Bescheidenheit entspricht seinem heutigen Selbstverständnis.

Vernetzung

Adel hat im Sinne Bourdieus immer vom sozialen und vom symbolischen Kapital gelebt. Er arbeitet daran, diese Aktiva in die künftigen Zeiten zu transferieren und ist dabei ziemlich erfolgreich. Geschlossene Milieus gibt es noch, aber sie sind selten geworden, und die alten Wege tragen nur noch zum Teil. Während Hochzeiten und Begräbnisse weiter klassische Gelegenheiten zur Vernetzung bieten, verlieren andere traditionelle Angebote – zB im Rahmen des organisierten Adels – an Attraktivität. Einige Adelsvereinigungen stemmen sich diesem Trend erfolgreich durch neuartige Angebote gerade für die Jugend entgegen und könnten ein Vorbild für andere sein. Dies kann, wie das Beispiel Österreichs zeigt, auch dann sehr gut funktionieren, wenn der Adel sich nicht mehr verbandsmäßig organisiert – so lange er im Stande ist, für seine Jugend über andere Wege interessant zu sein. Nicht zu vergessen ist, dass die neuen Kommunikationsmedien völlig andere Vernetzungsmöglichkeiten bieten, als dies in der Menschheitsgeschichte bisher der Fall war. Dies schafft natürlich große Konkurrenz zum bisher Gewohnten. Dennoch: Ein Adel, der sich nicht auch durch Vernetzung zwischen seinen Mitgliedern definiert, ist auch aus heutiger Sicht nicht denkbar.

Gibt es den Adel überhaupt noch?

Rechtlich ist diese Frage leicht zu verneinen. Soziologisch ist sie ziemlich vorbehaltlos zu bejahen. Monique de Saint Martin sieht in ihrer grundlegenden Arbeit zum französischen Adel dessen Identität weiter als gegeben an. Sie begründet dies damit, dass sich viele Nachfahren des Adels als adelig bezeichnen und an ihren Adel glauben, und viele Außenstehende ihnen adelige Eigenschaften zugestehen und sie für adelig halten. Diese Beobachtung trifft auf Deutschland und Österreich in gleichem Maße zu, auch wenn in Österreich etliche Familien der „Zweiten Gesellschaft“ durch die nach außen nicht mehr erkennbare Adelszugehörigkeit soziologisch mittlerweile wieder eher dem Bürgertum zuzurechnen sind. Aber eine Einschränkung gibt es – die historische Entwicklung hat den Adel den Deutschen als Vorbild entzogen. Asfa Wossen Asserate konstatiert dies mit folgenden Worten. „Das ist umso bedauerlicher, als der Adel auch heute noch Institutionen und Haltungen pflegt, die der Gesellschaft im ganzen zugute kommen könnten: einen ausgeprägten Familiensinn mit einer Verantwortung für alle Generationen, auch die unverheirateten alten Tanten; eine Verachtung von unverhülltem Ehrgeiz und Ellbogenstil; eine immer noch bewahrte Form gegenüber den atemlosen Gesten der Leistungs- und Aufstiegsgesellschaft; eine Verpflichtung zu praktischer Wohltätigkeit; Haltung im Unglück und die Fähigkeit, große Verluste mit Fassung zu ertragen.“ Trotz des Verlustes der Vorbildfunktion kann es nicht schaden, weiter an diesen ritterlichen Idealen Maß zu nehmen.

Posted on: 22. September 2019