Anzahl der Adeligen im Kaisertum Österreich im Jahr 1851

Von Dr. Georg Frölichsthal

Erstveröffentlichung in Adler-Zeitschrift Band 23, Heft 5 (Jänner/März 2006), Seite 160-161

Die Anzahl der Nobilitierungen auf dem Gebiet der Habsburgermonarchie war bereits Gegenstand mehrerer ausführlicher Untersuchungen und kann – bis auf die Nobilitierungen der siebenbürgischen Fürsten – als gut dokumentiert gelten.1) Nur selten wurde jedoch auf die Gesamtzahl der in ihren Grenzen lebenden Adeligen Bezug genommen und wenn, dann leider durchwegs falsch.

Bereits 1753 erfolgte die erste generelle Volkszählung in der Habsburgermonarchie, und zwar für die deutschen und slawischen Provinzen. Ab 1762 wurde auch eine ständische Gliederung erhoben, wobei es in Teilbereichen auch zu Doppelzählungen gekommen sein dürfte. Auf eine neue Grundlage wurde die Bevölkerungsstatistik im Jahre 1827 gestellt. Die damals erstmals erschienenen „Tafeln zur Statistik der Österreichischen Monarchie“ erfassten vorderhand auch den Anteil der erwachsenen männlichen Adeligen. Auf Grund des Entfalls der Adelsvorrechte im Jahre 1848 ergab sich später keine Notwendigkeit mehr zur Erfassung der Adeligen; das letzte Mal finden sie sich in den Tafeln von 1851.

Die in den Tafeln angegebenen Zahlen der Adeligen betrafen nur einheimische männliche Adelige ab dem – je nach Jahr – vollendeten 17. bis. 19. Lebensjahr; ausgenommen waren weiters Fremde und das gesamte Militär. Üblicherweise wurden aber die angegebenen Zahlen der Adeligen entweder in Relation zur Gesamtzahl der männlichen Bevölkerung oder gar der Gesamtbevölkerung gestellt, was beides mathematisch ein Unsinn ist. Um zu einer annähernd realistischen Schätzung der tatsächlichen Gesamtzahl an Adeligen zu kommen, muss man die Zahlen der erwachsenen männlichen einheimischen Adeligen in Relation zur Gesamtzahl der erwachsenen einheimischen Männer setzen; aus diesem Verhältnis kann man – unter Annahme eines ähnlichen prozentuellen Anteils aller Adeligen an der Gesamtbevölkerung – die Gesamtzahl der Adeligen der Monarchie hochrechnen. Dies wurde in der folgenden Statistik für das Jahr 1851 (wie erwähnt das letzte Jahr, in dem Adelige erfasst wurden) vorgenommen:

Prozentueller Anteil des Adels an den erwachsenen einheimischen Männern und
hochgerechnete Zahl aller Adeligen im Jahr 1851

RegionAdelige einheimische Männer (ab 20)Einheimische Männer (ab 20) gesamtAnteil der einheimischen adeligen Männer an den einheimischen MännernGesamtbevölkerung
(inkl. Ausländer, exkl. Militär)
Hochgerechnete Gesamtzahl der Adeligen (inkl. Ausländer, exkl. Militär)
Summe381.9429,674.6693,95 %35,750.6201.412.150
Österreich unter der Enns2.759356.520
0,77%1,538.04711.843
Österreich ob der Enns376204.1080,18%706.0471.271
Salzburg10142.3090,24%146.007350
Steiermark1.197264.9210,45%1,005.9444.527
Kärnten45982.2310,56%319.2241.788
Krain130127.1940,10%463.956464
Küstenland und Triest933161.2810,58%542.9173.148
Tirol und Vorarlberg1.943232.8030,83%858.2037.123
Böhmen2.3601.134.5670,21%4,385.8949.210
Mähren807457.8490,18%
1,799.8383.240
Schlesien232112.8740,21%438.586921
Galizien und Krakau23.6031,116.4322,11%4,555.47796.121
Bukowina1.56091.0351,71%380.8266.512
Dalmatien326112.2730,29%393.7151.142
Lombardei3.400843.1650,40%2,744.11810.976
Venedig4.020679.2730,59%2,279.99913.452
Ungarn250.000*2.853.4618,76%10,158.939889.923
Siebenbürgen86.807*567.97215,28%2,073.737316.867
Militärgrenze929234.7610,40%958.8773.836

* geschätzt 1846

Nimmt man das Militär in Größenordnung von knapp 1/2 Million Soldaten dazu, so kann man davon ausgehen, dass sich 1851 über 1,430.000 Adelige im Kaisertum Österreich aufgehalten haben.

3,95% Adelige in Relation zur Gesamtbevölkerung stellen im Vergleich zu den deutschen Ländern ohne Zweifel einen sehr hohen Anteil dar. Betrachtet man die Prozentsätze im Detail, so stellt sich die Sache allerdings schon ganz anders dar. Man kann eine Dreiteilung vornehmen:

  • Die mit deutschen Ländern vergleichbare Gruppe der deutschen, italienischen, südslawischen und böhmischen Länder (von Österreich ob der Enns mit 0,18% bis Tirol und Vorarlberg mit 0,83%);
  • die Mittelgruppe (Bukowina mit 1,71 % und Galizien mit 2,11 %);
  • schließlich weit darüber Ungarn mit 8,76% und Siebenbürgen mit fast unvorstellbaren 15,28%!

In der (ab 1867 so bezeichneten) ungarischen Reichshälfte betrug der Adelsanteil an der Bevölkerung Mitte des 19. Jahrhunderts 9,24%, während alle übrigen Länder zusammen (inklusive des auch nicht adelsannen Galizien) auf 0,73% kamen. Die immer wieder anzutreffende Behauptung, dass durch die hohe Anzahl der Nobilitierungen in der (späteren) cisleithanischen Reichshälfte unglaubliche Mengen an Adeligen vorhanden gewesen wären, relativiert sich dadurch doch relativ stark.


1) Albert Heilmann: Resumé und statistische Notizen über die Standeserhöhungen (1848-1875), in: Jahrbuch Adler 3 (1875), 15ff;
     Johann Baptist Witting: Statistik der Standeserhöhungen während der Regierungszeit des Kaiser Franz Josef I., in: Blätter des Vereins für Landeskunde von Niederösterreich 1898, 3ff;
     Hanns Jäger-Sunstenau: Statistik der Nobilitierungen in Österreich 1701-1918, in: Österreichisches Familienarchiv Band 1, Neustadt an der Aisch 1963, 3ff;
     Hanns Jäger-Sunstenau: Sozialgeschichtliche Statistik der Nobilitierungen in Ungarn 1700-1918, in: Zeitschrift Adler 14 (1986-1988), 110ff;
     Slawomir Górczyňski: Standeserhebungen in Galizien 1773-1918, in: Zeitschrift Adler 16 (1991-1992), 67ff;
     Georg Frölichsthal: Nobilitierungen im Heiligen Römischen Reich. Ein Überblick, in: Sigismund Freiherr v. Elverfeldt-Ulm (Hg.): Adelsrecht, Limburg an der Lahn 2001, 67ff