Adel heute. Rechtlicher Rahmen und soziologische Beobachtungen

Vortrag bei den Braunauer Zeitgeschichtetagen am 29. September 2012 / Dr. Georg Frölichsthal
(erschienen in den St. Johanns Club Nachrichten 381 (Dezember 2012) S. 25-28)

Inhalt:

  1. Rechtlicher Rahmen
    1. Was ist Adel heute?
    2. Adelsaufhebung
    3. Rechtliche Unterschiede zwischen Deutschland zu Österreich
    4. Rechtliche Konsequenzen des Adelsaufhebungsgesetzes in Österreich
  2. Soziologische Beobachtungen
    1. Betrachtung des Adels von außen
    2. Allgemeine Verhaltensweisen des Adels
    3. Unterschiedliche Verhaltensweisen auf Grund von Differenzierungen innerhalb des Adels
    4. Unterschiedliche Verhaltensweisen auf Grund der unterschiedlichen Rechtslage in Österreich und Deutschland
  3. Schluss

Adel heute. Rechtlicher Rahmen und soziologische Beobachtungen

Vortrag bei den Braunauer Zeitgeschichtetagen am 29. September 2012 / Dr. Georg Frölichsthal
(erschienen in den St. Johanns Club Nachrichten 381 (Dezember 2012) S. 25-28)

  1. Rechtlicher Rahmen
    1. Was ist Adel heute?
      • Wenn wir heute vom „Adel“ sprechen, dann sprechen wir von einem Phantom. Rechtsdogmatisch gesehen handelt es sich um eine doppelte Fiktion: Der Adel als Stand, und nur der Stand verdient aus meiner Sicht die Gattungsbezeichnung, wurde i.w. bereits 1848 abgeschafft, seine Ehrenvorzüge nach dem Ersten Weltkrieg. Wenn ich hier und heute vom „Adel“ spreche, dann meine ich diejenigen Personen, die nach dem 1918 geltenden Adelsrecht heute adelig wären. Bei all meinen Betrachtungen bemühe ich mich angesichts des Umstandes, dass wir uns in einer Grenzstadt befinden, sowohl auf die österreichischen als auch auf die deutschen Verhältnisse einzugehen.
      • Wer fällt darunter?
        • Wer ehelich von einem adeligen Vater abstammt;
        • wer als Frau mit einem adeligen Mann verheiratet ist;
        • wer als adelige Frau einen Nichtadeligen heiratet, verliert im Gegenzug seinen Adel.
      • Es handelt sich dabei ausschließlich um formale Kriterien. Elemente wie „Adel kommt von edel“, vornehme Gesinnung u.ä. spielen bei der Grundsatzfrage, wer adelig ist, schlicht keine Rolle. Wie bei Juden – mit denen den Adel auch sonst vieles verbindet – ist die Zugehörigkeit eine rein biologische Frage, hier allerdings um den Umstand der erforderlichen Eheschließung des Vaters ergänzt. Das Mannesstammprinzip ist ein genealogisches Ordnungsprinzip; versucht man, es zu verlassen – und dafür gibt es unübersehbare Tendenzen – dann löst sich alles auf. Ein Beispiel: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stammen wir alle in diesem Saal von Karl dem Großen ab. Benötigte man nur einen Adeligen unter seinen Vorfahren, um adelig zu sein, dann könnten wir alle beanspruchen, Kaiser zu sein.
    2. Adelsaufhebung
      • In Österreich war das Adelsaufhebungsgesetz von 1919 konsequent; Adel und Titel wurden aufgehoben. Letzteres war seitens der jungen Republik wahrscheinlich politisch unklug, weil sie damit eine staatstreue Elite vor den Kopf gestoßen hat, inhaltlich war es aber konsequent.
      • Deutschland hat mit Art 109 Abs. III der Weimarer Reichsverfassung – ich beschränke mich hier auf die Regelung auf gesamtstaatlicher Ebene – einen anderen Weg beschritten: „Öffentlich-rechtliche Vorrechte oder Nachteile der Geburt oder des Standes sind aufzuheben. Adelsbezeichnungen gelten nur als Teil des Namens und dürfen nicht mehr verliehen werden.“ Da der Adel ein öffentlich-rechtliches Institut war, wurde er trotz anderer Formulierung aber ebenso aufgehoben wie in Österreich.
    3. Rechtliche Unterschiede zwischen Deutschland zu Österreich:
      • Dem Hohen Adel sind in Deutschland gewisse Möglichkeiten geblieben, die Vermögensweitergabe der Stammgüter vom allgemeinen Erbrecht abzukoppeln, soweit eine privatrechtliche Rechtsgrundlage dafür bestand und besteht.
      • Die ehemaligen Adelsbezeichnungen wurden in Namensbestandteile umgewandelt; auf die Konsequenzen komme ich später zu sprechen.
    4. Rechtliche Konsequenzen des Adelsaufhebungsgesetzes in Österreich
      • Die Führung von Doppelnamen: Vielen Familien der „Zweiten Gesellschaft“ war bei ihrer Nobilitierung ein sogenanntes „Prädikat“ verliehen worden. Nehmen wir als fiktives Beispiel den Oberst Müller, dem der Adel mit dem Prädikat v. Thurgau verliehen wurde. Nach dem Adelsaufhebungsgesetz hieß die Familie Müller und nicht Müller-Thurgau, die Verlockung, diesen Doppelnamen (ohne Adelszeichen!) zu führen, war aber verständlicherweise groß. Die Republik verfolgte ein Zuwiderhandeln jahrzehntelang unerbittlich. Standesbeamte riefen, sobald sie einen Doppelnamen in einem Personenstandsdokument sahen, gerne beim Allgemeinen Verwaltungsarchiv an, das die Adelsakten verwaltete, um einem möglicherweise ruchlosen Treiben wieder einmal ein Ende bereiten zu können. Einmal – die Geschichte ist verbürgt – rief ein Beamter im Allgemeinen Verwaltungsarchiv an und fragte tatsächlich: „Ich habe hier einen, der heißt Habsburg-Lothringen. Ist der vielleicht adelig?“
      • Die Rechtsprechung der Höchstgerichte: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Verwaltungsgerichtshof (VwGH) mehrfach mit der Frage befasst, was mit deutschen Staatsbürgern geschehe, die die österreichische Staatsbürgerschaft annähmen und in deren Namen ein ehemaliger Adelstitel Namensbestandteil geworden wäre. Der VwGH entschied korrekt, dass dieser auch in Österreich Bestandteil des Namens wäre und – entgegen dem Reichsgericht im Fall Matuschka gegen Deutsches Reich –, dass eine geschlechtsspezifische Abwandlung der ehemaligen Titel nicht stattzufinden habe; auch dies ist meines Erachtens juristisch nur folgerichtig. Die Töchter des hier in der Nähe ansässigen österreichischen Staatsbürgers Graf zu Castell-Castell erhielten daher bei ihrer Geburt ebenfalls den Nachnamen Graf zu Castell-Castell. Warum der österreichische Verfassungsgerichtshof 2003 der konsistenten Rechtsprechung des VwGH im Falle von Adoptionen österreichischer durch deutsche Staatsbürger nicht gefolgt ist (der Namensbestandteil darf diesfalls nicht übertragen werden), bleibt hingegen auch nach mehrmaliger Lektüre des Erkenntnisses völlig schleierhaft.
  2. Soziologische Beobachtungen
    1. Betrachtung des Adels von außen:
      • Es gibt viele und gute Beschreibungen des Adels aus soziologischer Sicht. Wem an vergnüglicher und fundierter Lektüre zum Thema gelegen ist, dem empfehle ich Gregor von Rezzoris vor 50 Jahren verfassten „Idiotenführer durch die deutsche Gesellschaft“.
      • Das Außenbild des Adels schwankt zwischen zwei Zerrbildern: Das eine ist der Adelige als Menschenschinder und Ausbeuter. Der von Günther Nenning geprägte Ausdruck „Habsburger-Kannibalismus“ kommt nicht von ungefähr. Auf der anderen Seite steht, wie Rezzori berichtet, das Ideal- und Wunschbild des noblen feinnervigen Adeligen, der im Bamberger Reiter und der Uta im Dom zu Naumburg seine nicht zu übertreffende Verkörperung gefunden hat. Rezzori fügt übrigens trocken hinzu: „Unsere Enttäuschung, wenn wir dann Herrn und Frau von Poppersloth-Plibischken als Flüchtlingspaar voll rustikaler Frische begegnen, ist groß.“
      • Der Adel wird von außen als monolithischer Block betrachtet, was zwar juristisch richtig sein mag, aber der historischen Wirklichkeit und dem daraus resultierenden Selbstverständnis der diversen adeligen Schichtungen nicht im Geringsten gerecht wird. Um es auf den Punkt zu bringen: Das Selbstverständnis einer Familie, die schon vor der ersten Jahrtausendwende Grafen gestellt hat, differiert zwangsläufig von dem einer Familie, die 1918 in den Adelsstand erhoben wurde. Ich möchte hier Verhaltensweisen schildern,
        • die mehrheitlich im gesamten Adel zu finden sind,
        • die sich aus den vielfältigen Differenzierungen innerhalb des Adels ergeben und
        • eine Konsequenz der in Österreich und Deutschland unterschiedlichen staatlichen Rechtslage sind.
    2. Allgemeine Verhaltensweisen des Adels:
      Hier möchte ich nur kurz die ganz grundlegenden Prägungen erwähnen.

      • Familie: Die Zugehörigkeit zum Adel ist, zunächst, wie wir gesehen haben, eine biologische Frage. Daher ist die Produktion der Nachkommenschaft ganz entscheidend; nur so kann das Überleben der Gruppe gesichert werden. Eine Statistik habe ich nicht; aus eigener Anschauung traue ich mich aber problemlos zu sagen, dass zumindest der katholische Adel deutlich mehr Kinder in die Welt setzt als der Durchschnitt der Bevölkerung.
      • Tradition: Für das Bewusstsein des Adels ist die Weitergabe der Tradition ganz entscheidend. Die Wissenschaft verwendet seit ca. 20 Jahren dafür den Begriff „Erinnerungskultur“.
        • Ein kleines Beispiel dafür: Wer in einen adeligen Haushalt kommt, wird im Salon üblicherweise jede Menge Photographien in kleinen Rahmen herumstehen sehen, die Erinnerungen hochhalten.
        • Ein zweites Beispiel: Einer jungen österreichischen Gräfin ist bei einem Besuch Anfang der 1950er Jahre in Frankreich Folgendes widerfahren: Als sie einer Verwandten auf die Frage, was sie am 14. Juli gemacht habe, antwortete, sie hätte getanzt, erntete sie den völlig fassungslosen Kommentar: „Et vous, vous êtes aristocrate?“ Hier war die Erinnerung an Madame Guillotine noch sehr lebendig, so etwas konnte man doch bei bestem Willen nicht feiern!
      • Religion und daraus erwachsende Werte:
        Das Bekenntnis zum christlichen Glauben ist weiterhin wesentlicher Bestandteil adeligen Selbstverständnisses.

        • Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse werden häufig groß und weit über den engen Familienkreis hinaus gefeiert bzw. begangen.
        • Auch der Priestermangel in der katholischen Kirche kann dem Adel nicht angelastet werden: Hier gibt es weiterhin viele Priesterberufungen.
        • Weiters ist auch das häufig im religiösen Rahmen (über die Pfarren, Caritas oder Diakonie und nicht zu vergessen Malteser und Johanniter) erfolgende soziale Engagement, mit dem auch Verantwortung für andere übernommen wird, zu erwähnen.
        • Und schließlich liegt – wiederum zumindest beim katholischen Adel – die Zahl der gescheiterten Ehen deutlich unter der beim Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.
      • Manieren: Ihr Sinn liegt primär natürlich darin, dem Gegenüber das Leben angenehm zu machen.
        • Essmanieren spielen, so dumm es auch klingt, eine ganz zentrale Rolle. Sie werden den Kindern über Jahre hinweg mühsam eingetrichtert; dieser Prozess ist sowohl für Eltern als auch für Kinder äußerst nervenaufreibend. Dennoch unterzieht sich ihm jede Elterngeneration von Neuem dieser Prozedur. Im Einzelfall spielt übrigens die Sinnhaftigkeit der Manieren überhaupt keine Rolle. Ein Beispiel: Kartoffeln wurden früher wegen der dann rostenden Messerklingen nicht mit dem Messer geschnitten, sondern mit der Silbergabel zerteilt. Heute rosten die Messerklingen nicht mehr; das Zerteilen der Kartoffel mit dem Messer ist dennoch eindeutig nicht comme il faut.
        • Konversation: Das Führen eines Gesprächs mit dem Gegenüber, die Fähigkeit, ihm zuzuhören und auf ihn einzugehen, sind ebenfalls ganz wesentlich.
        • Zu sonstigen Manieren wie Sprache, Kleidung, Auftreten ließe sich vieles sagen, aber sie sind bei weitem nicht so wichtig.
    3. Unterschiedliche Verhaltensweisen auf Grund von Differenzierungen innerhalb des Adels:
      • Differenzierungsmöglichkeiten gibt es, so würde ich meinen, fast sonder Zahl: Die Höhe des Adels (zB Fürst oder Graf), das Alter des Adels (zB Uradel oder Briefadel bzw. innerhalb des Uradels wiederum das Alter der Familie und beim Briefadel das Datum der Nobilitierung), vorhandener Landbesitz oder nicht, vermögend oder nicht, adelige Vorfahren/Eheschließungen/Verwandtschaft oder nicht, katholisch oder evangelisch.
      • Hoher Adel I: Nach Art. XIV der Deutschen Bundesakte von 1815 gehörten die damals regierenden und bis 1806 im Reichsfürsten- und -grafenkollegium versammelten Familien dazu, in Deutschland wird das bis heute i.w. so verstanden. Trotz dieser rechtlich eindeutigen Lage gab es im 19. Jahrhundert eine ernsthafte fürstenrechtliche Diskussion darüber, ob die regierenden Häuser überhaupt dem Adel angehören würden. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts hat ein Angehöriger eines bis 1918 regierenden Hauses einem befreundeten Grafen auf die Bemerkung „wir Adelige“ geantwortet: „Bin nicht adelig, adle selber“. Ich selbst neige gegen Art. XIV emotional dazu, die bis 1918 regierenden Häuser nicht zum Adel zu zählen. Dieser selbst hat das übrigens auch sehr lange so gehandhabt und deshalb „nicht verkehrt“.
      • Hoher Adel II: Die Stellung des Vaters bzw. Hauschefs hat beim Hohen Adel großes Gewicht. Das Anhalten um die Hand der Tochter ist im Hohen und im katholischen Adel durchaus weit verbreitet. Aber dass, wie ich beglückt beobachten durfte, die Tochter bei der Hochzeit nach der Frage des Priesters, ob sie den anwesenden Bräutigam heiraten wolle, aufsteht, vor den Vater hintritt, nach dessen Einverständnis in einen Knicks versinkt, an ihren Platz zurückkehrt und erst dann ja sagt, das kommt im niederen Adel sicher nicht vor und im Hohen Adel wohl auch eher selten.
      • Hoher Adel III: In Österreich, das Art. XIV nie umgesetzt hat, wurde der Begriff gesellschaftlich verstanden – er umfasste die hoffähigen Familien, also jene, die 16 adelig geborene Ururgroßeltern vorweisen konnten. Und ein Nachgeborener eines fürstlichen Hauses der sog. III. Abteilung, das also nie reichsunmittelbar gewesen war, ging nach der österreichischen Hofrangordnung den Chefs der ehemals reichsunmittelbaren Grafenhäuser vor; die Nachgeborenen Letzterer fanden nicht einmal eigenen Platz in der Hofrangordnung!
      • Alter und neuer Adel: Ein Mitglied einer Jahrhunderte auf der gleichen Scholle sitzenden Familie wird sein adeliges Selbstbewusstsein stark auf diesen Umstand stützen. So hat mir ein Mitglied einer pommerschen Familie einmal mitgeteilt: „Pommern war als Land so arm, dass über die Jahrhunderte nur zwei Spezies überlebt haben: Der Holzbock und der Uradel.“ Wessen Familie vielleicht erst Jahrhunderte danach aus dem Dunkel der Geschichte getreten ist, dann aber schnell Karriere durch höhere Titel und vielleicht entsprechendes Connubium gemacht hat, wird diesen Aspekt stärker hervorheben. Der Stolz des Pommern lenkt aber auch die Aufmerksamkeit darauf, dass alleine das Überstehen der Jahrhunderte unter Weitergabe von Namen, Besitz und Tradition eine beachtenswerte kulturelle Leistung darstellt.
      • Katholisch/evangelisch: Hier lassen sich einige Unterschiede im Verhalten beobachten:
        • Vorstellung: Innerhalb der Gesellschaft stellen sich alle tendenziell ohne Adelszeichen oder -titel vor. Außerhalb der Gesellschaft neigt evangelischer Adel eher dazu, sich mit Adelszeichen vorzustellen (zB „v. Müller“), während katholischer Adel sich entweder nur mit dem Nachnamen oder mit Vor- und Nachnamen vorstellt.
        • Freiherren, umgangssprachlich Baron: Protestanten sprechen einen Freiherren häufig mit „Herr v. Müller“, Katholiken mit „Baron Müller“ an. Ein prominentes Beispiel dafür wäre der ehemalige deutsche Bundespräsident Weizsäcker; öffentlich hat sich die evangelisch geprägte Anrede „Herr von Weizsäcker“ durchgesetzt.
        • Es hat immer wieder preußische evangelische untitulierte Adelige gegeben, die sich gerne mit „Baron“ anreden ließen und eine siebenzackige Krone (die nach der Übung nur den Freiherren zusteht) führten; im katholischen Süden gab es Derartiges nie.
      • Besitzend/nicht besitzend: Ein Standesherr erzählte mir einmal vom jährlich stattfindenden Standesherrentag, man hätte lachend zwischen Deutschen und Österreichern unterschieden; in Wirklichkeit sei es aber die Unterscheidung zwischen den Besitzenden und den nicht mehr Besitzenden gewesen. Alter Adel, der auf seinen Gütern lebt, verkehrt automatisch mit den in der gleichen Position befindlichen Familien. Andere können da problemlos dazugehören, automatisch muss das aber nicht sein.
      • Duzen und Siezen: Ob man jemanden duzt oder siezt, hat mit dem persönlichen Verhältnis in diesem Zusammenhang recht wenig zu tun. Die Frage bereitet auch den Eingeweihten größere Schwierigkeiten. Bekannt sind die Bonmots: „Bist du ein Prinz oder sind sie ein Graf?“ bzw. „Bist du katholisch oder sind sie evangelisch?“
        • Geschlechterübergreifend gibt es das Siezen noch sehr stark, bei den Katholiken ist es jedoch innerhalb der gleichen Generation im Rückgang begriffen.
        • Hoher Adel duzt sich weitgehend auch konfessionsübergreifend (vor einer Generation aber nur, wenn man auch verwandt war), höherer und niederer Adel siezen einander eher.
        • Katholischer Adel duzt sich tendenziell, evangelischer Adel siezt sich weitgehend.
        • Ein evangelischer Herr wurde einmal von seiner in den katholischen Raum verheirateten Tochter befragt, woran das liege, dass Protestanten einander siezten. Er überlegte ein bisschen, und antwortete dann: „Vielleicht denken sich manche: Wir sind ja nicht bei der Gewerkschaft, wo man jeden Duzen muss.“
    4. Unterschiedliche Verhaltensweisen auf Grund der unterschiedlichen Rechtslage in Österreich und Deutschland:
      • Thema Adel: In Österreich, wo der Adel ja nicht mehr im Namen aufscheint, wird die Beschäftigung mit dem Thema von Adel von vielen als spießig angesehen. Man gehört dazu, ist mit vielen verwandt, redet aber nicht darüber. Dies gibt es in Deutschland auch so, aber doch in deutlich geringerem Ausmaß.
      • Adel und Name: In Deutschland glauben dafür viele, dass der Adel vom adeligen Namen abhängt – ein klassischer Beweis dafür, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. U.a. deswegen gibt es in Deutschland viel weniger Verständnis dafür, dass der Adel eben nur vom adeligen Vater im ehelichen Wege übertragen wird. Jemand, der – obwohl nicht adelig – einen adeligen Namen trägt, wird daher tendenziell als adelig angesehen; umgekehrt wird der, der den Adel nicht im Namen trägt, häufig als nichtadelig angesehen, selbst wenn man von seinem adeligen Hintergrund weiß! Es ist immer wieder schön, dem deutschen Gegenüber dann die Frage zu stellen, ob denn ein deutscher Graf zu Stolberg-Stolberg adelig sei und sein österreichischer Cousin, der Herr Stolberg-Stolberg, nicht; die erhoffte Verblüffung tritt beim Gesprächspartner fast immer ein.
      • Weitergabe des adeligen Namens: Gleichzeitig ist die Verlockung der Weitergabe des adeligen Namens in Deutschland viel stärker ausgeprägt als in Österreich. Durch die Änderungen des deutschen Namensrechts in den letzten 40 Jahren weiß man nicht mehr, ob der einen adeligen Namen Führende adelig ist oder nicht. Der Wunsch der Damen, ihren Namen weiterzugeben ist sehr ausgeprägt und durchaus nachvollziehbar; allerdings löst sich, wie das eingangs erwähnte Beispiel mit Karl dem Großen zeigt, damit längerfristig auch alles auf. Dazu kommen dann noch die bekannten Adoptionen. Ein Beispiel: Es gibt bereits mehr nichtadelige Träger des fürstlichen Namens Sayn-Wittgenstein als solche, die der Familie angehören; die Täuschungswirkung gegenüber Außenstehenden ist enorm.
        Der frühere Präsident des Deutschen Adelsrechtsausschusses Baron Sigismund Elverfeldt hat dazu trocken Folgendes angemerkt: „In 100 Jahren haben wir in Deutschland nur noch Türken und Adelige, allerdings mit einem Unterschied: Die Türken sind echt, die Adeligen nur zu einem geringen Teil.“
        Aus diesem Grunde sehe ich seit vielen Jahren die österreichische Namensregelung nicht nur als die einzige der Republik angemessene, sondern mittlerweile auch als viel mehr im Interesse des Adels gelegen als die deutsche.
      • Hochzeits- und Todesanzeigen: Sowohl in Deutschland als auch in Österreich werden derartige Anzeigen mit allen Titeln geziert, allerdings mit einem Unterschied: In Österreich ist das Führen des Adels, d.h. das sich selbst so zu nennen, verboten. Deshalb erscheint der Anzeigende ohne jegliche Adelsbezeichnung; hier gibt also „Franz Müller“ etwas bekannt und nicht „Franz Graf v. Müller“.
      • Von und v.: In Preußen gab es um das Jahr 1900 geschätzte 100.000 Personen mit einem bürgerlichen „von“, das dem holländischen „van“ entspricht. Um eine Unterscheidung zwischen Adeligen und Bürgerlichen zu ermöglichen unterschied die preußische Militärrangliste auf Grund einer Allerhöchsten Kabinettsorder das adelige vom nichtadeligen „von“ dadurch, dass ersteres als „v.“ abgekürzt wurde. Als der Gotha bzw. das Genealogische Handbuch des Adels überlegen mussten, wie sie mit zivilrechtlich korrekt geführten aber dennoch nur scheinadeligen Namen umgehen sollten, nutzten sie diese Möglichkeit zur Unterscheidung – ein echter Code für Insider. Im Gesellschaftlichen hat sich die Übung eher in den evangelischen als in den katholischen Gebieten durchgesetzt.
  3. Schluss
    Wenn sich nach Rezzori der Adel durch das Sein definiert, während das Bürgertum sich durch Leistung verwirklicht, so sind die Adeligen ohne Zweifel sehr bürgerlich geworden und insgesamt sehr erfolgreich gewesen. Damit haben sie gleichzeitig einmal mehr bewiesen, dass sie in der Lage sind, sich den Umständen anzupassen, also wie der erwähnte Holzbock die Spezies zu erhalten. „Den Adel“ wird es soziologisch – abgesehen von einem wegen der mangelnden Ergänzungsmöglichkeiten von außen rein statistisch irgendwann zu erwartenden Aussterben – wohl noch so lange geben, als er von außen als Gruppe wahrgenommen wird und selbst noch das Bewusstsein für die eigene Vergangenheit erfolgreich zu tradieren vermag.