5. Juni 2021

1945 Bundeswappen der Republik Österreich

Von Dr. Wolfgang Szaivert

Unmittelbar nach der Befreiung von der Naziherrschaft, noch vor der Kapitulation Hitlerdeutschlands, nämlich schon am 1. Mai 1945, wurde das Gesetz „über Wappen, Farben, Siegel und Embleme der Republik (Wappengesetz)“ von der Provisorischen Staatsregierung beschlossen. Wieder war es Dr. Karl Renner, der erste Kanzler auch der Zweiten Republik, der die Initiative hiezu ergriff. Bereits im 2. Stück des neuen Staatsgesetzblattes verlautbart, bestimmt das Wappengesetz 7/1945:

Artikel 1.

(1) Die Republik Österreich führt das mit Gesetz vom 8. Mai 1919, St.G.Bl. Nr. 257, eingeführte Staatswappen, das die Zusammenarbeit der wichtigsten werktätigen Schichten: der Arbeiterschaft durch das Symbol des Hammers, der Bauernschaft durch das Symbol der Sichel und des Bürgertums durch das Symbol der den Adlerkopf schmückenden Stadtmauerkrone, versinnbildlicht, wieder ein. Dieses Wappen wird zur Erinnerung an die Wiedererringung der Unabhängigkeit Österreichs und den Wiederaufbau des Staatswesens im Jahre 1945 dadurch ergänzt, dass eine gesprengte Eisenkette die beiden Fänge des Adlers umschließt.

(2) Die Zeichnung des Staatswappens ist aus der einen Bestandteil dieses Gesetzes bildenden Anlage ersichtlich. (Diese Anlage wurde am 20. Juni 1945 im Staatsgesetzblatt unter Nr. 22/1945 nachgereicht).

Artikel 2.

Die Farben der Republik Österreich sind rot-weiß-rot, die Flaggen und Banner, die von staatlichen Behörden, Einrichtungen und Anstalten geführt werden, zeigen im Mittelfeld das Wappen der Republik.

Das Bemerkenswerte an diesem Gesetzestext ist, dass er – über die rein heraldische Wappenbeschreibung (Blasonierung) hinausgehend – eine Legalinterpretation der vier dem neuen österreichischen Bundeswappen eigentümlichen Symbole gibt, die sich nur an dieser Stelle findet. Das ist als authentischer Beweis dafür anzusehen, dass von dem DUALEN Zeichen „Hammer und Sichel“ im österreichischen Wappen keine Rede sein kann. Am 1. Mai 1945 hatte man freilich andere Sorgen, als sich um heraldische und verfassungsrechtliche Details zu kümmern. So dachte man auch nicht daran, die Farbe der Ketten näher zu bestimmen. Vor allem aber übersah man, dass man durch die Einfügung der gesprengten Eisenketten das im Verfassungsrang stehende Bundeswappen von 1919 durch ein einfaches Gesetz modifiziert hatte. Zwar beschloss der Nationalrat am 19. 12. 1945 ein Verfassungs-Übergangsgesetz, das den Mangel nachträglich saniert hätte, doch konnte dieser Gesetzesbeschluss mangels Zustimmung des Alliierten Rates nicht ordnungsgemäß kundgemacht werden.